Interview mit Benjamin von Tragetyp Trageberatung

Auf der Suche nach weiteren Infos zu meiner Hop-Tye Conversion bin ich auf Benjamin gestoßen. Unter dem Namen Tragetyp Trageberatung hat er ein Tragevideo zu der Wrap Con von Hoppediz ins Internet gestellt. Da ich es so spannend finde, dass er ein männlicher Trageberater ist, habe ich ihn um ein Interview gebeten und ganz schnell tolle Antworten bekommen. Lest selbst.

Benjamin Drost, der "Tragetyp", ist 28 Jahre alt und Trageberater seit Oktober 2016 (Trageschule Hamburg). Er ist Vater von 2 Kindern, verheiratet und gelernter Handelsfachwirt, z. Z. in Ausbildung zum Erzieher.

Wie bist du zum Tragen gekommen?

Bei unserer ersten Tochter wollten wir schon tragen, allerdings wussten wir nicht wirklich wie. Von einer Trageberatung hatten wir zu dem Zeitpunkt noch nichts gehört und in unserem Raum gab es auch niemanden, der das angeboten hat. Die Beratung im Geschäft gab uns leider kein Gefühl der Sicherheit, dafür aber eine Tragehilfe, mit der wir nicht klargekommen sind.
Während der zweiten Schwangerschaft sind wir dann glücklicherweise auf eine Trageberaterin gestoßen, die wir auch prompt gebucht hatten. Von da an erleichterte uns das Tragen den Alltag und ich konnte die Zeit mit dem Baby ganz bewusst in vollen Zügen genießen.

Warum bist du Trageberater geworden?

Hierfür gibt es 3 Gründe:
- Beide meiner Kinder waren in den ersten 6 Monaten sehr unruhig. Das Tragen half unserer zweiten Tochter sehr und wir hätten uns gewünscht, die Beratung schon bei unserem ersten Kind gehabt zu haben.
- Ich möchte einfach so vielen neugewordenen Eltern wie möglich zeigen und erklären, wie das Tragen dem Kind, sich selbst und der Partnerschaft gut tut und zusätzlich den Alltag erheblich erleichtert. Gerade in der Anfangszeit, in der die Babies ein riesiges Bedürftnis nach Nähe und Geborgenheit haben hilft das Tragen ungemein.
- In dieser Branche sind überwiegend Frauen tätig. Ich erhoffe mir, dass ich als Mann mit gutem Beispiel voran andere Väter oder Männer dazu bewegen kann zu tragen.

Du machst spezielle Beratungen für Männer, warum und was ist das besondere an einer Männer-Beratung?

Kurz vorweg: Ob ich einen Mann oder eine Frau berate, ist mir egal. Wichtig ist mir, dass getragen wird! Aber so stumpf es klingt: Männer lassen sich oft auch gerade von Männern zeigen, wie man etwas richtig macht. Ich vermute das ist eine uralte Evolutionsgeschichte

Tragen hat in meinen Augen auch nichts mit „öko“ oder „Alternativität“ zu tun. Es geht schlichtweg um das Beste für sein Kind. Welcher Mann will das nicht?

In meinem Programm habe ich ein Angebot, das einem „Stammtisch“ gleicht. Hier wird verständlich für jedermann gezeigt, was eine Tragehilfe ist und wie (eigentlich einfach) sie funktioniert. Dieses Angebot halte ich natürlich auch für Paare, die sich kennen.

Berätst du auch Frauen?

Selbstverständlich! Mir würde kein einziger Grund einfallen, warum ich das nicht tun sollte.
Es gibt aus meiner Sicht nicht nur Gründe für Männer zu tragen, sondern auch eine Menge für die Frauen. Oft ist es noch so, dass die Mütter zu Hause sind, während der Mann arbeiten muss. Alleinerziehende Mütter müssen ihren Alltag ebenso meistern. Zudem stillt nicht jede Frau – das Tragen fördert zusätzlich die Bindung...
Neben den Gründen für Männer und Frauen, sind die wichtigsten allerdings die Gründe für das Kind: Die Bindung, die ideale Hüft- und Wirbelsäulenentwicklung, Grundbedürfnisse nach Liebe, Körperkontakt und Sicherheit werden gestillt... und viele, viele mehr!

Was ist der größte Unterschied zwischen tragenden Frauen und Männern?

In zwei Punkten sind sich Männer und Frauen einig: Sicherheit und Bequemlichkeit müssen gegeben sein.
Viele Frauen legen meiner Erfahrung nach mehr Wert auf Ästhetik, während Männer eher den praktischen Hintergedanken fokussieren. Das heißt nicht, dass sich alle Männer für Tragehilfen entscheiden. Frauen neigen eher dazu, sich mehrere Tücher in verschiedenen Farben zuzulegen, damit das Outfit abgerundet wird. Männern entscheiden sich eher für neutrale Farben und würden auch mit einem klarkommen. Pauschal kann man natürlich weder die Frauen noch die Männer über einen Kamm scheren.

In meinen Beratungen sagen viele Frauen: Mein Mann will nichts zum Binden, stimmt das mit deinen Erfahrungen überein?

Ich habe den Satz auch schon oft gehört 🙂 Überraschenderweise war es schon häufig so, dass der Mann das binden schneller sicher beherrscht hat als die Frau.
Bei meinen Beratungen gehe ich auf das ein, was gewünscht wird. Eltern, die sich noch nicht sicher waren, ob Tuch oder Hilfe, haben sich nach der Beratung häufig für das Tuch entschieden. Ich habe schon öfters die Rückmeldung erhalten, dass im Vorfeld das Tuch binden für zu kompliziert gehalten wurde. Letztendlich stellte sich heraus, dass Übung schnell zum sicheren Ergebnis führt.
Grundsätzlich tendieren Männer aber tatsächlich eher zu einer Tragehilfe. Heutzutage ist das überhaupt kein Problem mehr, da sie so weit entwickelt sind, dass das Kind ergonomisch korrekt getragen werden kann.

Warum sollten Männer tragen?

Die Bindung zur Mutter ist meist ohnehin, z. B. durch das Stillen, schon sehr stark. Durch das Tragen kann allerdings gerade der Mann für sein Kind da sein und dabei Geborgenheit und Sicherheit schenken. Zudem wird die Partnerin entlastet und nebenbei sind die Hände frei um dem Alltagsgeschehen gerecht zu werden.

Vielen Dank noch einmal an Benjamin. 

Ich persönlich habe auch ganz tolle Erfahrungen mit Männern in Trageberatungen gemacht. Vom Papa, der fragt "darf ich jetzt wieder gehen" bis hin zum Papa, der während der Beratung schon den Babymarkt anruft, um zu fragen, ob dieser das gewünschte Tuch vorrätig hat.